Schubladendenken

Die paradoxe Wirkung von Verboten

Ein Ausschnitt aus dem Buch „Kleine Einführung in das Schubladendenken. Über Nutzen und Nachteil des Vorurteils“ von Jens Förster.

Mit Verboten sollte man sehr vorsichtig umgehen. Auch mit Verboten in Bezug auf uns selbst, denn sie bewirken teilweise genau das Gegenteil. Ich könnte mir ja zum Beispiel vornehmen: „Denk einfach nicht an das Kleid, wenn du Rita siehst!“ Die Forschung zeigt, dass Gedankenverbote fatal sind:

Gerade wenn wir versuchen, an etwas nicht zu denken, tun wir es um so stärker.

Daniel Wegner und sein Forscherteam haben dieses Phänomen untersucht und Versuchspersonen gebeten, nicht an Eisbären zu denken. Als die Probanden anschließend wieder an Eisbären denken durften, kamen sie ihnen häufiger in den Sinn als den Versuchspersonen, denen vorher erlaubt worden war, an Eisbären zu denken.

Kurz: verbotene Gedanken kommen zurück, und es hat seitdem Dutzende Experimente gegeben, die zeigen, dass dieser Boomerangeffekt auch für sozial interessantere Inhalte als Eisbären gilt, nämlich eine unglückliche Liebe, Schmerz, schlechte Stimmung, fiese Filmsequenzen, Essen und Alkohol.

Dieser Boomerangeffekt lässt sich, wie so vieles, auf unser Gedächtnissystem zurückführen. Ermahnen wir uns etwa, nicht ans Essen zu denken, so müssen wir dafür die Gedächtnisspur „Essen“ aktivieren. Und schon ist Essen on top of our mind.

Die Unterdrückung von Stereotypen, Vorurteilen oder Gedanken führt dazu, dass genau diese hoch verfügbar sind.

Diesen unerwünschten Effekt kann man mildern, indem man ablenkende Gedanken zur Verfügung stellt. Daniel Wegner sagte seinen Probanden, dass sie immer an einen roten VW Käfer denken sollten, wenn ihnen ein weißer Bär in den Sinn kam. Diese Strategie reduzierte den Boomerangeffekt, denn an etwas anderes zu denken ist weniger schwierig, als gar nicht an etwas zu denken.

Einer ähnlichen Logik hatte sich schon Kerry Kawakami in ihrem Neinsage-Training bedient. Ihre Probanden sollten nicht nur „Nein“ zu „schwarz = aggressiv“ sagen, sondern auch „ja“ zu „schwarz = friedlich“. Sie haben als umgelernt, statt zu unterdrücken. Zudem belegte Laura Monteith in ihren Studien, dass sich bei Personen, die als wenig sexistisch eingestuft worden waren, bei vorurteilsbehafteten Gedanken kein Boomerangeffekt zeigte. Dies bedeutet, dass vor allem von außen auferlegte Verbote die unerwünschten Effekte zeitigen. Oder dass tolerante  Menschen über Strategien der Selbstkontrolle verfügen und diesen Effekt zu verhindern wissen.

Um das Entstehen von Boomerangeffekten zu erklären, haben Nira Liberman und ich eine eigene Theorie entwickelt. Wir glauben, dass ein Verbot zunächst einmal das Ziel aktiviert, das Verbotene zu tun. Das kennen wir schon aus der Bibel: Lots Frau, der die Engel verboten hatten, sich nach der Stadt Sodom umzuschauen, kann nicht anders: Sie dreht sich um und erstarrt zur Salzsäule.

Die Geschichte beschreibt etwas, das wir alle kennen: wenn uns etwas verboten wird, juckt es uns geradezu, das Verbotene zu tun. Ziele können unbewusst aktiviert werden und wie bewusst gedachte Ziele wollen sie auch erreicht werden.

Sobald ein Ziel erreicht ist, verschwindet es aus unserem Bewusstsein. Wenn wir Hunger haben, suchen wir etwas zu essen, und nachdem wir gegessen haben, sind wir satt. Wenn wir unterdrücken sollen, aktivieren wir das Ziel, das Verbotene zu tun. Und wenn wir das Unterdrückte irgendwann zugelassen haben, verspüren wir keinen „Hunger“ mehr danach.

Kann man die Aktivierung des Ziels verhindern?

Unserer Theorie zufolge werden nicht in jedem Fall Ziele durch die Versuche, sie zu unterdrücken, aktiviert. Wir vermuten, dass solche Ziele aktiviert werden, weil wir aus der Schwierigkeit, sie zu unterdrücken schließen, dass wir das Unterdrückte eigentlich gern tun wollen: „Je schwerer es mir fällt, den Gedanken zu unterdrücken, umso eher will ich ihn wohl denken“. „Je schwerer es mir fällt, nicht an den Kuchen zu denken, der im Kühlschrank steht, umso mehr will ich ihn wohl essen.“

Der Gedanke „Ich will das sehr wohl“ aktiviert das Ziel, das Verbotene zu tun, und schon ist man in der Falle – das Ziel will erfüllt werden.

Wenn jemand aber merkt, dass diese Schwierigkeit eigentlich nichts mit ihm zu tun hat, dann wird das Ziel gar nicht erst aktiviert. Schon die Einsicht, dass Gedankenunterdrückung vor allem ein simples Gedächtnisphänomen ist und allen Menschen schwer fällt, also nicht unbedingt etwas mit dem eigenen Willen zu tun hat, reduziert den Boomerangeffekt, weil in diesem Fall ja gar kein Ziel aktiviert wird.

Der Boomerangeffekt lässt sich also dann verhindern, wenn wir die Schwierigkeit beim Unterdrücken nicht auf uns beziehen und somit kein Ziel aktivieren. Oder wenn wir ablenkende Gedanken zu Hilfe nehmen. Das heißt: wir können solche Effekte dann bekämpfen, wenn wir verstehen, wie sie entstehen….

Kleine Einführung in das Schubladendenken von Jens Förster.Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch Kleine Einführung in das Schubladendenken. Über Nutzung und Nachteil des Vorurteils“ von Jens Förster.

Das Buch ist für 8,95 Euro bei Amazon erhältlich und sofort lieferbar!

Bildquelle: Kurt Michel - http://www.pixelio.de

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